Österreichs steilste Seilbahn – Ein Meisterwerk am Tor zur Eisriesenwelt
Seit 1955 bringt die Pendelbahn in Werfen Besucher in wenigen Minuten zur größten Eishöhle der Welt. Mit einer Steigung von rund 71 Prozent zählt sie bis heute zu den spektakulärsten Seilbahnen Österreichs.
Manche Seilbahnen beeindrucken durch ihre Länge. Andere durch ihre Höhe oder ihre Architektur. Und dann gibt es jene Anlagen, die allein durch ihre Streckenführung außergewöhnlich sind. Die Pendelbahn zur Eisriesenwelt in Werfen gehört zweifellos zu dieser Kategorie. Auf lediglich rund 700 Metern Seillänge überwindet sie rund 500 Höhenmeter – ein Gefälle, das sie bis heute zur steilsten Seilbahn Österreichs macht.
Doch hinter dieser technischen Besonderheit verbirgt sich weit mehr als eine beeindruckende Kennzahl. Die Geschichte der Bahn ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie technische Innovation den Tourismus nachhaltig verändern kann – ganz im Sinne jener Pionierzeit, die vor 100 Jahren den Grundstein für die österreichische Seilbahnbranche legte.
Der Weg zur Eisriesenwelt war einst ein Tagesausflug
Bereits seit 1920 ist die Eisriesenwelt im Tennengebirge als Schauhöhle für Besucher geöffnet. Die größte Eishöhle der Welt mit einer Gesamtlänge von über 42 Kilometern zog schon damals Menschen aus aller Welt an. Doch der Weg dorthin war beschwerlich. Wer die Höhle besuchen wollte, musste den gesamten Anstieg zu Fuß bewältigen. Für viele bedeutete der Ausflug eine ganztägige Bergtour.
Mit dem wachsenden Interesse entstand deshalb schon früh die Idee einer Seilbahn. Sie sollte den schwierigsten Abschnitt des Aufstiegs übernehmen und die Naturattraktion für deutlich mehr Menschen zugänglich machen.
Bauen ohne Helikopter – Pionierleistung in schwierigstem Gelände
1953 wurde schließlich die Betreibergesellschaft gegründet. Bereits ein Jahr später begannen die Bauarbeiten – unter Bedingungen, die heute kaum mehr vorstellbar sind.
Das steile Felsgelände, wechselhafte Wetter und fehlende technische Hilfsmittel machten den Bau zu einer enormen Herausforderung. Hubschrauber standen damals noch nicht zur Verfügung. Sämtliche Bauteile mussten aufwendig über das alpine Gelände transportiert werden. Vermessungsarbeiten fanden unter schwierigsten Bedingungen statt, ehe die Bauunternehmen mit der Errichtung der Pendelbahn beginnen konnten.
Am 8. August 1955 war es schließlich so weit: Die erste Seilbahn zur Eisriesenwelt nahm ihren Betrieb auf und verkürzte den mühsamen Zustieg erheblich.

Eine Bahn, die an ihre Grenzen geht
Bis heute fasziniert die Anlage durch ihre außergewöhnliche Trassierung.
Auf rund 700 Metern Streckenlänge werden etwa 500 Höhenmeter überwunden – das entspricht einer maximalen Steigung von rund 71 Prozent. Während andere Pendelbahnen ihre Höhendifferenz auf mehrere Kilometer verteilen, steigt die Bahn zur Eisriesenwelt nahezu direkt den Fels hinauf. Gerade diese extreme Linienführung macht größere Kabinen nahezu unmöglich und stellt bis heute besondere Anforderungen an Konstruktion, Betrieb und Wartung.
Die Fahrt dauert nur wenige Minuten, vermittelt den Fahrgästen aber ein eindrucksvolles Gefühl dafür, wie steil die Nordflanke des Tennengebirges tatsächlich ist.

Vom Großbrand zur modernen Pendelbahn
Die Geschichte verlief jedoch nicht ohne Rückschläge.
1961 zerstörte ein Großbrand die damalige Seilbahn nahezu vollständig. Für die Betreiber bedeutete dies einen herben Einschnitt. Dennoch entschloss man sich rasch zum Wiederaufbau. Die Bahn wurde erneuert und blieb ein unverzichtbarer Bestandteil des Besuchererlebnisses.
2015 erfolgte schließlich eine umfassende Modernisierung. Neue Kabinen, Seile und Anlagentechnik brachten die Pendelbahn auf den neuesten Stand der Technik. Trotz moderner Komponenten blieb der außergewöhnliche Charakter der Strecke unverändert erhalten. Auch heute können die Gondeln aufgrund der extremen Steilheit bewusst nur eine begrenzte Anzahl an Fahrgästen aufnehmen – Sicherheit und Fahrkomfort stehen an erster Stelle.
Mehr als eine Seilbahn
Jährlich bringt die Bahn rund 170.000 Besucher dem Eingang der Eisriesenwelt ein gutes Stück näher. Dennoch bleibt ein Teil des ursprünglichen Bergerlebnisses erhalten: Von der Bergstation führt weiterhin ein Fußweg bis zum Höhleneingang. Gerade diese Kombination aus Seilbahnfahrt und Wanderung macht den Besuch zu einem besonderen Naturerlebnis.

Pioniergeist kennt viele Formen
Im Jubiläumsjahr „100 Jahre Seilbahnen in Österreich“ erinnert die Pendelbahn zur Eisriesenwelt daran, dass Innovation nicht immer größer, schneller oder spektakulärer sein muss. Manchmal besteht sie darin, eine scheinbar unüberwindbare Felswand für Menschen sicher und nachhaltig zugänglich zu machen.
Seit mehr als 70 Jahren verbindet Österreichs steilste Seilbahn Technik und Natur auf einzigartige Weise. Sie zeigt eindrucksvoll, welchen Beitrag Seilbahnen seit Generationen leisten: Sie erschließen außergewöhnliche Landschaften, ermöglichen unvergessliche Erlebnisse und überwinden Grenzen – manchmal sogar mit einer Steigung von über 70 Prozent.
Headerbild: Österreichs steilste Seilbahn in Werfen · © Tourismusverband Großarltal
