Geschichte · Stubaital, Tirol

Dr. Heinrich Klier – Der Mann, der an den Stubaier Gletscher glaubte

Zwischen Mut, Unternehmergeist und einer Idee, an die zunächst kaum jemand glaubte.

Es gibt Persönlichkeiten, deren Lebenswerk untrennbar mit einer Landschaft verbunden ist. Für den Stubaier Gletscher ist das Dr. Heinrich Klier. Als Unternehmer, Alpinist und Visionär erkannte er bereits in den 1960er-Jahren das Potenzial eines hochalpinen Skigebiets – zu einer Zeit, als viele das Vorhaben für kaum realisierbar hielten. Mit dem Bau der Stubaier Gletscherstraße und der ersten Seilbahnen legte er den Grundstein für eines der bedeutendsten Gletscherskigebiete Österreichs.

Porträt Dr. Heinrich Klier
Porträt Dr. Heinrich Klier

Eine Vision entsteht

Heinrich Klier wurde 1926 in Zirl geboren. Seine Leidenschaft galt schon früh den Bergen. Nach dem Studium der Philologie in Innsbruck und London arbeitete er zunächst als Lehrer, später als Journalist, Schriftsteller und Bergsteiger. Seine zahlreichen Touren führten ihn immer wieder in die Stubaier Alpen, deren Topografie er bis ins Detail kannte. Dieses Wissen sollte Jahre später den Ausschlag für eines der ambitioniertesten Seilbahnprojekte Tirols geben.

Der Legende nach entstand die entscheidende Idee nach einer Geburtstagsfeier Ende der 1960er-Jahre. Noch in derselben Nacht holte Klier eine Alpenvereinskarte hervor und zeichnete die Trasse einer Gletscherbahn ein. Bemerkenswert ist, dass die damals skizzierten Standorte der Stationen bis heute im Wesentlichen den tatsächlichen Verlauf bestimmen – auch wenn die Anlagen längst mehrfach modernisiert wurden.

Historische Familienaufnahme von Heinrich Klier
Historische Familienaufnahme von Heinrich Klier

Gegen alle Widerstände

Heute erscheint die Erschließung des Stubaier Gletschers beinahe selbstverständlich. Anfang der 1970er-Jahre war sie jedoch ein Wagnis.

Zunächst musste erst eine Straße bis in den Talschluss gebaut werden. Danach folgten Stromversorgung, Infrastruktur und schließlich die ersten Seilbahnen. Viele Beobachter hielten das Projekt angesichts der Lawinengefahr, der schwierigen Geländeverhältnisse und der enormen Investitionskosten für zu riskant.

Heinrich Klier ließ sich davon nicht beirren. Später erinnerte er sich:

„Der Bau der Stubaier Gletscherbahn war mit viel Risiko verbunden. Damals glaubte kaum jemand an dieses Projekt.“

1973 gingen schließlich die ersten Gondelbahnen zum Eisgrat in Betrieb – der Beginn einer Erfolgsgeschichte, die den Wintertourismus im Stubaital nachhaltig verändern sollte.

Seilbahnen als Motor einer ganzen Region

Klier dachte nie ausschließlich in Liftanlagen. Für ihn bildeten Seilbahnen das Herzstück einer touristischen Gesamtentwicklung.

Rund um den Stubaier Gletscher entstanden Hotels, Gastronomiebetriebe, Sportgeschäfte und zahlreiche Arbeitsplätze. Aus den ursprünglich wenigen Anlagen entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte eines der größten Gletscherskigebiete Österreichs. Die Wintersport Tirol AG wurde zum wichtigsten touristischen Arbeitgeber des Stubaitals und prägte die wirtschaftliche Entwicklung der Region nachhaltig.

Damit steht Heinrich Klier exemplarisch für jene Generation von Seilbahnpionieren, die Infrastruktur nicht als Selbstzweck verstanden, sondern als Grundlage regionaler Entwicklung.

Unternehmer, Alpinist und Autor

Was Heinrich Klier von vielen seiner Zeitgenossen unterschied, war seine Vielseitigkeit.

Er veröffentlichte bereits in den 1950er-Jahren Bücher über die Alpen, verfasste Alpenvereinsführer, gestaltete Radiosendungen und leitete Expeditionen. Die Berge waren für ihn nicht nur Wirtschaftsraum, sondern Lebensraum und Inspirationsquelle. Dieses Verständnis prägte auch seine unternehmerischen Entscheidungen.

Ein Lebenswerk in guten Händen

2006 übergab Heinrich Klier den Vorstandsvorsitz der Wintersport Tirol AG an seinen Sohn Reinhard. Dennoch blieb er seinem Unternehmen eng verbunden. Bis ins hohe Alter besuchte er regelmäßig den Stubaier Gletscher, verfolgte neue Projekte und stand – wie Wegbegleiter berichten – noch mit über 90 Jahren auf Skiern.

Für seine Verdienste wurde Klier unter anderem mit dem Tiroler Adler-Orden ausgezeichnet und zum Ehrenbürger der Gemeinde Neustift im Stubaital ernannt. 2012 erhielt er den Tirol Touristica Award für sein Lebenswerk.

Ein Platz in der österreichischen Seilbahngeschichte

Als Heinrich Klier am 6. Oktober 2022 im Alter von 95 Jahren verstarb, verlor Tirol eine außergewöhnliche Unternehmerpersönlichkeit. Sein Vermächtnis reicht jedoch weit über das Stubaital hinaus.

Er gehört zu jener Generation von Visionären, die den Ausbau moderner Seilbahnen in Österreich entscheidend geprägt haben. Sie erschlossen neue Regionen, schufen Arbeitsplätze und machten den alpinen Tourismus zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor. Der Stubaier Gletscher ist bis heute sichtbarer Ausdruck dieses unternehmerischen Mutes.

Manchmal beginnt Geschichte mit einer Idee auf einer Landkarte. Heinrich Klier hatte den Mut, diese Idee Wirklichkeit werden zu lassen.